Hanna Fearns

„Radio Silence“

In diesen Tagen, wenn die Frühlingssonne noch kraftschöpft, kann es passieren, dass dir Kälte und Verlorenheit unter die Haut kriechen, wenn sie schließlich untergeht. In solchen Momenten tut es gut, sich in eine warme Bar zu flüchten. Wenn du Glück hast, steht dann auf der kleinen Bühne in der Ecke jemand mit einer Gitarre und teilt seine Verlorenheit mit dir. Wenn du richtig viel Glück hast, ist dieser jemand Hanna Fearns. Der Song, den sie spielt, heißt »Radio Silence« und erzählt davon, wie es sich anfühlt, geghostet zu werden. Von den bohrenden Selbstzweifeln, der nagenden Frustration, der Verwirrung, dem Gefühl des Verlustes, der Trauer und schließlich der schleichend einsetzenden Wut.

So intim und persönlich der Song ist, so seltsam vertraut erscheint er dir. Das fängt mit den ersten verzerrten Gitarrentönen und den ersten Worten (»Out of the blue …) an – eine doppeltgemoppelte Hommage an Neil-Young – und setzt sich fort, wenn »Radio Silence« nach einem vielschichtigen Wechselspiel zwischen zärtlicher Melancholie und mächtigen Riffs, zwischen leisen Molltönen und treibenden Fuzzgitarren, über den Folkrock der Siebziger, den Grunge der Neunziger und den Alt-Rock der Nuller-Jahre ins hier und jetzt rockt.

Hannas dunkle, präsente Stimme holt dich ab, die Melodie nimmt dich an die Hand (und lässt dich nicht wieder los), das packende Arrangement reißt dich mit und die suggestive Kraft des Songwritings entführt dich von einem Ort des Suchens und Haderns an einen Ort der Befreiung und Selbstermächtigung. Mit einem Mal sitzt du nicht mehr in einer schummerigen kleinen Bar und leckst deine Wunden, sondern stehst vor einer hellerleuchteten Bühne in der Menge und singst aus vollem Halse mit.

 

Hanna Fearns

Die neue Single ist da!

Hier reinhören

IT’S JUST INK

VÖ (digital) 20.03.2026

»Are you Alright?«, die liebevolle und doch besorgte Frage, die Hanna Fearns als Titel für ihre kommendes Album gewählt hat, bildet auch den Ausgangspunkt der zweiten Single-Auskopplung: In »It’s Just Ink« gilt sie dem eigenen Seelenzustand.

»It’s Just Ink« ist ein Mutmacher-Song, auch wenn die ersten Zeilen das erst einmal nicht vermuten lassen: Hanna beschreibt darin etwas, was nach den Jahren der Pandemie und einer gnadenlos fortschreitenden Disruption im Weltgeschehen, zweifellos viele von uns erfahren haben und immer noch erfahren. Wie Efeu wuchernde Unsicherheiten, endlos Karussellfahrende Gedanken, lähmende Depressionen sorgen dafür, dass wir des Nachts wachliegen. Sie trüben zusehends unser Fühlen und Denken. Als würde man Tinte ins Wasser schütten: It’s like ink pouring into water

Hanna Fearns - It´s just ink

Aus dieser nachtschwarzen Wolke der nagenden Ängste und Zweifel, der brüchigen, bittersüßen Melancholie der atmosphärischen Strophe, steigt der Song von Chorus zu Chorus immer weiter empor zur Sonne, breitet seine Schwingen aus und erweist sich bald als unwiderstehliche Pop-Hymne im Geiste solcher Bands wie Kim Deals Breeders und Kirsten Hershs Throwing Muses – der 4AD-Variante des Crazy-Horse-huldigenden, US-amerikanischen Alternative-Rock der 90er.

Spätestens nach dem zärtlichen, introvertierten C-Teil, in dem Hanna ihre ganze stimmliche Klasse zeigt, wenn der Song endgültig abhebt, ist man versucht aus vollem Hals mitzusingen:

It’s just INK pouring into water.

Wie viel Kraft doch das Wörtchen »nur« zu spenden vermag.

»It’s Just Ink« ist eine tröstende und noch dazu verdammt mitreißende Erinnerung daran, dass wir uns nicht scheuen sollten, auch mal Hilfe zu beanspruchen, wenn es nötig wird, Licht ins innere Dunkel zu bringen.

(Stephan Glietsch)